Das Hirtenjahr – ein Leben in Bewegung
Die FAO hat 2026 offiziell zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und Hirten erklärt. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Männern und Frauen, die mit ihren Herden leben. Die Transhumanz ist eine Lebensweise, die sich nicht an einen festen Ort bindet, sondern an die Jahreszeiten, die Tiere, die Landschaften – und an die Menschen, denen man unterwegs begegnet.

Ein Hirte begleitet seine Herde. Eric TERRADE
Zwischen denen, die weiterziehen, und denen, die bleiben
Zweimal im Jahr ziehen die Herden mit ihren Schäferinnen, Schäfern und Hirten durch Dörfer. Unterwegs müssen die Tiere fressen. Deshalb war und ist genau geregelt, wo eine Herde weiden darf: am Wegrand, auf bestimmten Wiesen oder auf Flächen, die dafür vorgesehen sind. Solche Regeln waren wichtig, denn eine große Herde konnte in kurzer Zeit eine Wiese abweiden, die auch andere Menschen brauchten. Wo viele Interessen aufeinandertreffen, entstehen zwangsläufig Spannungen. Manche Streitigkeiten zwischen Hirten und Bewohnern der Dörfer mussten deshalb sogar vor Gericht geklärt werden.

Transhumanz in den Gorges du Cians. Jean-Pol GRANDMONT
Ein Leben, das Menschen verbindet
Doch die Begegnungen entlang der Wege waren nicht nur von Konflikten geprägt. Die Hirten kamen von außerhalb und brachten etwas mit, das in abgelegenen Dörfern besonders wertvoll sein konnte: Nachrichten von der Welt. Sie erzählten von Orten, die sie durchquert hatten, von Menschen, die sie getroffen hatten, und brachten manchmal kleine Geschenke oder Erinnerungsstücke aus anderen Städten und Regionen mit.

Ein Hirte in Saint-Rémy-de-Provence. jmt-29
Für die Menschen in den Dörfern war die Ankunft der Herde deshalb oft ein besonderes Ereignis. Vor allem in abgelegenen Bergregionen muss es aufregend gewesen sein, jedes Jahr dieselben Reisenden wiederzusehen – Menschen, die zwar aus derselben Region oder demselben Land kamen, aber ein Leben führten, das weit über das Dorf hinausreichte.
Und manchmal wurde aus einer Begegnung mehr. Aus Freundschaften entstanden Liebesgeschichten, aus Liebesgeschichten Familien. Manche Hirten ließen sich schließlich in einem der Dörfer nieder, die sie zuvor regelmäßig mit ihren Herden durchquert hatten. Wenn sie sich einen Teil der Herde kaufen und eine eigene Schäferei aufbauen konnten, wurde aus dem saisonalen Wanderer ein sesshafter Schäfer.

Eine Transhumanz in der Provence, um 1931.
Auch der Beruf des Hirten selbst konnte dabei eine besondere Anziehungskraft haben. Für manche bedeutete ein Sommer auf der Alm nicht nur Arbeit, sondern eine ungewöhnliche Form von Freiheit: draußen in den Bergen, im eigenen Rhythmus und mit größerer Unabhängigkeit vom Alltag in der Stadt. In einer Zeit, in der Arbeit das ganze Leben bestimmte, konnte diese Zeit in den Bergen fast wie eine erlaubte Pause wirken – und zugleich Raum schaffen, über die eigene Zukunft nachzudenken.
Das Internationale Jahr der Weidelandschaften und Hirten erinnert daran, dass diese Lebensweisen bis heute lebendig sind und Wissen bewahren, das über Generationen weitergegeben wurde. Diese Dimension möchten wir bei Transhumance besonders sichtbar machen. Denn hinter einer Faser, hinter jeder Wolle, steckt immer eine Geschichte.
Bildnachweise und Quelle
- Schäfer und Herde im Lesponne-Tal. Eric TERRADE / Unsplash. Nutzung gemäß der Unsplash-Lizenz. Unsplash
- Transhumanz in den Schluchten von Cians. Jean-Pol GRANDMONT. Rigaud (Alpes-Maritimes), , 13. Juni 2004. CC BY 3.0, Wikimedia Commons.
-
Hirte beim Fest der Transhumanz von Saint-Rémy-de-Provence.
Foto: jmt-29, 2009. CC BY 2.0. Wikimedia Commons - Transhumanz auf den Straßen der Provence, um 1931. Agence Rol, Pressefotografie, 1931. Gemeinfrei. Wikimedia Commons
Organisation der Vereinten Nationen / FAO – Internationales Jahr der Weidelandschaften und Hirten 2026
https://www.fao.org/rangelands-pastoralists-2026/