Im August ist die Herde weit oben

Im August ist die Herde weit oben.

Während die Ebenen der Provence unter der Hitze liegen, finden die Mérinos d’Arles auf den alpinen Sommerweiden kühlere Nächte, Wasser und eine vielfältige Vegetation. Der Weg dorthin ist Teil eines Rhythmus, der sich seit Generationen wiederholt: Im Frühjahr brechen die Herden auf, im Sommer leben sie in der Höhe, im Herbst beginnt die Rückkehr.

Auf der Alm verändert sich auch der Tagesablauf. Am frühen Morgen liegt noch Kühle über den Hängen. Die Tiere beginnen zu weiden, bevor die Sonne hoch am Himmel steht. Später suchen sie schattige oder windgeschützte Stellen. Am Abend setzt sich die Herde erneut in Bewegung.

Für die Schäferinnen und Schäfer bedeutet dieser Sommer in den Bergen zugleich Weite und ständige Aufmerksamkeit.

Herde auf den alpinen Sommerweiden der Moutière in den Alpes-de-Haute-Provence
Auf der Höhe des Sommers. In den alpinen Weiten der Moutière findet die Herde frische Weiden, kühlere Nächte und Raum zur Bewegung. Hier folgt ihr Alltag dem Rhythmus von Vegetation, Wasser und Wetter. Zwischen grünen Hängen und den Gipfeln der Alpen verteilt sich die Herde über die Weide. Die Tiere wählen ihren Weg und ihre Nahrung, während Schäferinnen und Schäfer darauf achten, dass Weide, Wasser und Bewegung im Gleichgewicht bleiben.

Die Herde formt die Landschaft

Eine Almwiese ist keine starre Fläche. Sie verändert sich mit dem Wetter, den Jahreszeiten und den Tieren, die sie nutzen.

Die Schafe wählen ihre Nahrung zwischen Gräsern, Kräutern, Blüten und jungen Trieben. Sie bewegen sich über Hänge, folgen kleinen Wegen und verteilen sich je nach Vegetation und Gelände.

Dabei entsteht ein Wechsel zwischen stärker und weniger intensiv beweideten Bereichen. Manche Pflanzen werden früh gefressen, andere blühen länger. Felsige Stellen, Wiesen, niedrige Sträucher und kleine Gehölze liegen nebeneinander.

Die Herde hinterlässt daher keine gleichförmige Landschaft. Sie trägt vielmehr zu einem Mosaik unterschiedlicher Flächen bei.

Doch diese Wirkung entsteht nicht allein durch die Tiere. Entscheidend ist, wie sie geführt werden.

Die Schäferin oder der Schäfer beobachtet den Zustand der Weide, erkennt, welche Bereiche bereits ausreichend genutzt wurden, und entscheidet, wann die Herde weiterziehen muss. Eine Fläche braucht Nahrung für die Tiere, aber ebenso Zeit, um sich zu erneuern.

Die Landschaft wird dadurch nicht einfach verbraucht. Sie wird im Rhythmus der Herde genutzt.

Herde in einer alpinen Landschaft mit Grasflächen, Felsen, Sträuchern und einzelnen Bäumen
Eine Landschaft aus vielen Bereichen. Die Herde bewegt sich zwischen Grasflächen, felsigen Hängen, Sträuchern und einzelnen Bäumen. Durch ihre wechselnde Nutzung entsteht kein gleichförmiger Raum, sondern ein vielfältiges Mosaik unterschiedlicher Lebensräume.

Qualität beginnt mit dem Ort

Die Qualität einer Wolle lässt sich nicht ausschließlich an einer Zahl oder an der Feinheit einer einzelnen Faser erklären.

Ein Vlies wächst über viele Monate. In dieser Zeit spiegeln sich darin die Gesundheit des Tieres, seine Ernährung, sein Alter, die Witterung und die Bedingungen der Haltung.

Der Ort spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Auf den Sommerweiden finden die Tiere nicht nur eine andere Temperatur als in den tieferen Lagen. Sie bewegen sich viel und ernähren sich von einer abwechslungsreichen alpinen Vegetation. Zugleich werden sie von Menschen begleitet, die ihren Zustand täglich beobachten.

Eine vielfältige Weide allein garantiert noch keine außergewöhnliche Wolle. Ebenso wenig entscheidet eine einzelne Pflanze über ihre Qualität. Es ist das Zusammenspiel aus Rasse, Futter, Klima, Bewegung, Gesundheit und Betreuung.

Die Mérinos d’Arles sind an diese Wanderung zwischen unterschiedlichen Landschaften angepasst. Ihr Leben verbindet die trockeneren Gebiete der Provence mit den höher gelegenen Sommerweiden der Alpen.

Wenn wir von ihrer Wolle sprechen, sprechen wir deshalb auch von diesen Orten: von der Wärme der Ebenen, der Kühle der Berge, den zurückgelegten Wegen und dem Wissen, das notwendig ist, um die Herde sicher durch das Jahr zu führen.

Herkunft ist in diesem Sinne nicht bloß eine geografische Angabe. Sie beschreibt die Bedingungen, unter denen eine Faser entsteht.

Schafe auf einer Weide am Bergpass Cold du Noyer in den Hautes-Alpes vor einer alpinen Berglandschaft
Qualität beginnt mit dem Ort. Die Lebensbedingungen einer Herde entstehen aus dem Zusammenspiel von Weide, Klima, Bewegung und täglicher Betreuung. Diese Herkunft begleitet auch die Wolle, die über viele Monate am Tier wächst.
Historische botanische Karte Frankreichs mit den unterschiedlichen Vegetationsräumen
Unterschiedliche Landschaften, eine wandernde Herde. Zwischen den Weiden der Provence und den alpinen Sommerweiden verändern sich Klima, Höhenlage und Vegetation. Diese Vielfalt gehört zum Lebensraum der Mérinos d’Arles und zur Herkunft ihrer Wolle.

Freiheit bedeutet Verantwortung

Das Leben auf der Alm wird häufig mit Freiheit verbunden.

Mit weitem Himmel, offenen Hängen und einer Entfernung zum Alltag der Städte. Diese Freiheit ist tatsächlich vorhanden. Sie ist jedoch niemals die Abwesenheit von Verpflichtungen.

Eine Herde richtet sich nicht nach freien Tagen oder festen Arbeitszeiten.

Die Schäferinnen und Schäfer müssen wissen, wo sich Wasser befindet, wie sich das Wetter entwickelt und ob ein Tier zurückbleibt. Sie erkennen Veränderungen im Verhalten der Herde und sehen oft früh, wenn ein Schaf krank oder geschwächt ist.

Sie müssen Wege wählen, Gefahren einschätzen und immer wieder zwischen den Bedürfnissen der Tiere und dem Zustand der Weiden abwägen.

Freiheit bedeutet hier, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Verantwortung bedeutet, ihre Folgen zu tragen.

Dieses Wissen lässt sich nur zum Teil aus Büchern lernen. Es entsteht aus Erfahrung: aus Sommern mit großer Hitze, aus plötzlichen Gewittern, aus trockenen Weiden und aus vielen stillen Stunden der Beobachtung.

Jede Schäferin und jeder Schäfer liest die Landschaft ein wenig anders. Doch alle teilen dieselbe Aufgabe: die Herde zu begleiten, ohne den Ort aus dem Blick zu verlieren, von dem sie lebt.

Schäfer bei der aufmerksamen Betreuung eines Mutterschafes und seines Lammes auf einer Alm in der Haute-Provence
Freiheit bedeutet Verantwortung. Hinter der Weite der Alm steht die tägliche Aufmerksamkeit für jedes einzelne Tier. Das Wissen der Schäferinnen und Schäfer zeigt sich besonders in den stillen Momenten der Beobachtung und Fürsorge.

Auf der Höhe des Sommers zeigt sich, wie eng diese Elemente miteinander verbunden sind.

Die Herde nutzt die Landschaft und gestaltet sie zugleich. Die Landschaft ernährt die Tiere und prägt die Bedingungen, unter denen ihre Wolle wächst. Und die Schäferinnen und Schäfer halten dieses Gleichgewicht Tag für Tag zusammen.

Die Alm ist deshalb mehr als ein schöner Hintergrund.

Sie ist Lebensraum, Arbeitsort und Ursprung.

Und die Freiheit, die sie vermittelt, ist untrennbar mit Verantwortung verbunden.