Wo Herden ziehen, bleibt die Landschaft offen

Die Bilder der Waldbrände im Süden Frankreichs erinnern uns daran, wie verletzlich mediterrane Landschaften sind. Hitze, Trockenheit und Wind können die Entstehung und Ausbreitung von Bränden begünstigen. Entscheidend ist auch, welche Vegetation sich am Boden befindet: trockene Gräser, dichtes Buschwerk und zusammenhängende Pflanzenbestände.

Ein Waldbrand hat niemals nur eine Ursache – auch Schafe können ihn nicht verhindern. Doch die Wanderweidewirtschaft kann dazu beitragen, Landschaften offener zu halten und die Menge brennbarer Vegetation zu begrenzen.

Brebis sur l’alpage de la Moutière
Schfherde auf der Alm "La Moutière" – Eine Herde auf den offenen Sommerweiden der französischen Alpen.

Eine Landschaft in Bewegung

Auf den alpinen Sommerweiden wird sichtbar, wie Herden Landschaften über lange Zeit mitprägen. Schafe fressen Gräser, Kräuter, junge Triebe und einen Teil der niedrigen Vegetation. Manche Flächen werden dadurch stärker genutzt, andere bleiben länger unberührt. Die Schäferin oder der Schäfer entscheidet, wann die Herde weiterzieht und welche Weiden Zeit zur Erholung brauchen. So entsteht keine gleichförmige Fläche, sondern ein Mosaik unterschiedlicher Lebensräume.

Diese Landschaft wirkt weit und natürlich. Doch ist sie das Ergebnis einer langen Beziehung zwischen Herden, Menschen, Pflanzen und Jahreszeiten.

Wenn offene Flächen verschwinden

Wo die regelmäßige Beweidung endet, verändert sich die Landschaft: Gräser bleiben stehen und trocknen aus, Sträucher breiten sich aus, junge Bäume wachsen auf Flächen, die zuvor offen waren. Mit der Zeit kann so eine dichtere und zusammenhängendere Vegetation entstehen.

Der Wald ist selbstverständlich ein wertvoller Lebensraum und es geht nicht darum, Wald und Weide gegeneinander auszuspielen. Doch gerade in trockenen mediterranen Regionen spielt die Struktur der Landschaft eine wichtige Rolle: fehlen solche Unterbrechungen wie die Sommerweiden, kann sich ein Feuer leichter durch zusammenhängende Vegetation ausbreiten.

Forêt de pins d’Alep avec végétation arbustive à Saint-Rémy-de-Provence

Kieferwald, Saint-Rémy-de-Provence. Dichte Wald- und Strauchvegetation bei Saint-Rémy-de-Provence. Ein Foto allein sagt nichts über die Qualität der Bewirtschaftung aus. Es macht jedoch sichtbar, wie stark sich die Struktur der Vegetation von einer offenen Weidelandschaft unterscheidet.

Eine stille Form der Landschaftspflege

Die Arbeit der Herden besteht aus vielen kleinen Bewegungen: einem abgefressenen Trieb, einem freigehaltenen Weg oder einer offenen Fläche zwischen zwei Waldstücken. Dazu braucht es Menschen, die das Gelände kennen: Schäferinnen und Schäfer müssen einschätzen, wo die Herde Nahrung und Wasser findet, welche Flächen beweidet werden können und wann es Zeit ist weiterzuziehen. 

Transhumanz bedeutet deshalb nicht, Schafe einfach von einem Ort zum anderen zu treiben. Sie ist eine Form der Aufmerksamkeit – für die Herde und für die Landschaft.

Eine über Generationen gewachsene Beziehung

Die Wege zwischen der Provence und den Alpen sind alt. Seit Generationen führen Schäferinnen und Schäfer ihre Herden im Rhythmus der Jahreszeiten von einem Weidegebiet zum nächsten. Diese Bewegung hat die Landschaften Südfrankreichs mitgeprägt: sie verbindet Gebiete, die auf einer Karte weit voneinander entfernt erscheinen, und hält ein Wissen lebendig, das nur durch die tägliche Arbeit weitergegeben werden kann.

Photographie historique d’un troupeau de moutons avec leurs bergers sur le chemin de la Provence vers les Alpes
Transhumance von der Provence-Ebene zu den Alpes. Historische Darstellung einer Herde auf dem Weg von der Provence in die Alpen. Die Transhumanz verbindet seit Generationen Landschaften, Jahreszeiten und Menschen.

Mit diesem ersten Brief möchten wir den Blick auf eine Arbeit richten, deren Bedeutung oft erst sichtbar wird, wenn sie verschwindet. Die Wanderweidewirtschaft ist keine Lösung für alle Herausforderungen der Waldbrandvorsorge. Sie ist jedoch ein Teil lebendiger und gepflegter Kulturlandschaften.

In den kommenden Briefen werden wir diesen Wegen weiter folgen: zu den Merinos d’Arles, zu den Schäferinnen und Schäfern, zu den Pflanzen der Provence und zu den Sommerweiden der Alpen. Denn Transhumanz ist mehr als die Wanderung einer Herde. Sie ist eine Beziehung zwischen Mensch, Tier und Landschaft.

Möchten Sie weitere Briefe wie diesen erhalten?

👍 Ja, gerne  ·  Ich interessiere mich mehr für Produktneuigkeiten